Alb-Leisa

Woldemar Mammel ist Begründer der Öko-Erzeugergemeinschaft „Alb-Leisa“. Er führt zusammen mit seinem Sohn den Bioland-Hof Mammel in Lauterach auf der Schwäbischen Alb. Auf seinem Biohof leistet Mammel seit über 25 Jahren nicht nur Pionierarbeit im Linsenanbau. Er hält auch die seltene Rasse der Hinterwälderrinder und setzt Zugpferde in der Bewirtschaftung der Felder ein.
Welche Rolle spielt die Linse bei der Ernährung?
Linsen oder „Leisa“ – wie die Linsen auf der Alb genannt werden – sind in Schwaben ein Nationalgericht. Linsen und Spätzle sind ein typisches Gericht der Region. Obwohl es ein Arme-Leute-Essen war, erfreut es sich nach wie vor großer Beliebtheit. Über viele Jahrhunderte wurden auf der Schwäbischen Alb Linsen kultiviert. Im 19. Jahrhundert waren noch mehrere Tausend Hektar mit dieser Hülsenfrucht bebaut. Denn Linsen waren – wie Erbsen und Bohnen – früher als pflanzliche Eiweißlieferanten überlebenswichtig. Doch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ging der Linsenanbau immer weiter zurück. Um 1960 verschwanden die letzten beim Bundessortenamt gelisteten Linsensorten – die noch in den 1930er und 40er Jahren vom schwäbischen Pflanzenzüchter Fritz Späth gezüchteten „Späths Alblinsen 1 und 2“ sowie „Späths Hellerlinse“.
Welche Linse bauen Sie eigentlich an?
Da die letzten heimischen Linsensorten nicht mehr auffindbar waren, haben wir in den 80er Jahren mit italienischen und französischen Sorten experimentiert. Am besten hat sich die französische „Du-Puy-Linse“ bewährt. Durch einen großen Zufall haben wir auch die alten Späth’schen Sorten wiedergefunden. 2006 wurden sie in der Wawilow-Genbank in St. Petersburg wiederentdeckt. Die wenigen Körner, die wir bekamen, haben wir vorsichtig vermehrt. Dieses Jahr bauen wir sie auf vier Hektar an. Es ist eine ganz besondere Erfolgsgeschichte, dass wir eine Sorte, die nur noch in einer Genbank vorhanden war, wieder dem Anbau- und Verzehrkreislauf zuführen. Das ist meines Wissens nach einmalig. Ziel ist es, großflächig wieder Alblinsen von Späth anzubauen. Das wäre eine echte Sensation für die Alb und ein Gewinn für die biologische Kulturpflanzenvielfalt.

Was ist denn das Besondere an der Linse im Anbau?
Die Linse hat für Biobauern einen hohen Wert, weil sie – wie alle Leguminosen, darunter etwa Lupine oder Klee – den Boden mit Stickstoff anreichert. Das macht sie in der Fruchtfolge zu einer wichtigen Pflanze für uns. Zudem können die schwachen Linsenpflanzen die Unkrautpflanzen nur schlecht unterdrücken, was zu einer unglaublich hohen Ackerwildkrautvielfalt führt. Allerdings ist der Anbau der Linse nicht einfach.
Können Sie das näher erläutern?
Zum einen ist das der Gemengeanbau, in dem wir die Linse hier anpflanzen. D.h. die Linse wird nicht rein angebaut, sondern in einem Gemisch mit anderen Nutzpflanzen, die der Linse als Stützfrucht dienen. Das sorgt natürlich zum einen für Artenvielfalt auf den Linsen-Äckern, bedeutet aber auch niedrigere Erträge. Wegen der schwierigen Erntebedingungen dreschen wir oft ein sehr feuchtes Gemisch, das wir langwierig trocknen und reinigen müssen. Je nach Witterung ernten wir zwischen zwei und zehn Doppelzentner Linsen pro Hektar. Diese starken Ertragsschwankungen sind ein Grund, warum sich mit der Linse schlecht wirtschaften lässt. Außerdem sollte man eine lange Anbaupause bei der Linse einhalten. Erst nach fünf oder sechs Jahren kann man wieder Linsen in den gleichen Acker säen, wenn man gesunde Pflanzen bekommen will. Trotzdem bewirtschaften wir mittlerweile in der Öko-Erzeugergemeinschaft mit 40 Anbauern ca. 100 ha Fläche.
Und wo wird die Alb-Linse vertrieben?
Die Erzeugergemeinschaft kümmert sich um Saatgut, Trocknung, Reinigung, Abpackung und Vertrieb. Wir beliefern regional etwa 300 Einzelhändler, Hofläden, Bioläden, aber auch Bäckereien, Metzgereien und Gaststätten. Die Ernte 2009 ist schon komplett ausverkauft. Die Nachfrage ist sehr viel größer als das Angebot. Wir wollen aber unsere „Alb-Leisa“ nur regional zur Verfügung stellen, an einem bundesweiten Vertrieb sind wir nicht interessiert. Unsere Vision ist, dass auch andere traditionelle Anbauregionen der Linse – wie etwa Thüringen – mit dem Linsenanbau wieder anfangen.
Service
Weitere Informationen zur Alblinse finden Sie unter: www.alb-leisa.de.
Dort gibt es auch detaillierte Informationen zum Bezug der Linse und einige Rezeptideen.
