Erhalt alter Haustierrassen

Professor Hans-Hinrich Sambraus ist Tierarzt und Zoologe. Er lehrte Tierhaltung und Verhaltenskunde an der Technischen Universität München. Sambraus gründete mit sechs weiteren Personen 1981 die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH). Heute gehören der GEH über 2.200 Mitglieder an.

Warum wurden Sie vor fast 30 Jahren zum Mitbegründer der GEH?

Das war Zufall! Ich muss zugeben, dass ich das Thema der Gefährdung der alten Haustierrassen zum Zeitpunkt der Gründung der GEH gar nicht so sehr als Problem begriffen habe. Zwar war mir aufgefallen, dass die Tierrassen, mit denen ich mich als Student der Tiermedizin beschäftigt hatte, nicht mehr so reichhaltig vorzufinden waren, aber mit dem Thema habe ich mich damals nicht näher auseinandergesetzt. Ein Zoologe, den ich vom Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität München kannte, hatte zur Gründungsveranstaltung der GEH eingeladen und ich fuhr hin, weil die Gründung in der Nähe stattfand. Und dann habe ich die GEH mitgegründet.

Welche Ziele hat die GEH? Und welche hatte sie damals?

Grundsätzlich hat sich an den Zielen seit damals nichts geändert. Es geht darum, die Qualität der alten Rassen zu erhalten. Bei den heute vorhandenen Hochleistungsrassen geht es alleine darum, mehr Quantität – mehr Fleisch oder mehr Wolle oder mehr Milch – heranzuzüchten. Bei den alten Landrassen achten wir auf Qualität.

Was bedeutet das konkret?

Qualität kann man einmal verstehen als Qualität im Geschmack. Im Geschmack der Milch, dem Cholesterinwert etc. oder im Geschmack des Fleisches. Zum anderen geht es vor allem um die Qualitäten des Tiers in Hinsicht auf seine Anspruchslosigkeit und Robustheit. Die alten Rassen benötigen weniger Kraftfutter, sie sind an das Futter, das die jeweilige Region hergibt, angepasst. Außerdem sind die alten Rassen langlebiger und sie sind widerstandsfähiger gegen Krankheiten. Über all diese Aspekte der Qualität gibt es mittlerweile viele Forschungsergebnisse. Und alle diese Kriterien sind natürlich auch ökonomisch von Bedeutung.

Haben denn Züchter auf diese Erkenntnisse reagiert?

Gerade in den Anfangsjahren war die Zurückhaltung sehr groß, da wurden wir oft belächelt. Das Interesse ist aber in den letzten Jahren gewachsen. Auch der technische Fortschritt hat von den alten Rassen profitiert. Mit den Möglichkeiten der Gentechnologie können Gentechniker sich die Gene, die für sie interessant sind, bei den alten Rassen einfach herausfischen. Da erscheinen dann langjährige Zuchtbemühungen als überholt.

Welche Erfolge hat die GEH erzielt?

Seit Gründung der GEH ist in Deutschland keine alte Haustierrasse mehr verloren gegangen und man kann davon ausgehen, dass dies auch in Zukunft nicht passieren wird. Denn die Zahlen der Tiere sind bei allen gefährdeten Rassen nachweisbar deutlich gestiegen. Dies gilt übrigens, soweit ich das überblicken kann, für den gesamten europäischen Raum.

Wie schätzen Sie die Zukunft der alten Haustierrassen ein?

Man muss sich klarmachen, dass nicht alle alten Rassen so bleiben, wie sie sind. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Das Coburger Fuchsschaf war eine kleinwüchsige Landrasse, bei der wir in den vergangenen Jahren die größten Zuwächse im Bestand verzeichnen konnten. Aber der Typ hat sich geändert. Die Fuchsschafe sind heute viel größer, haben also mehr Fleisch als früher. Diese Typänderung, diese Tendenz, ist das Ergebnis der Züchtung und der Wünsche der Verbraucher. Wir müssen in Kauf nehmen, dass wir die Rassen nicht so erhalten können, wie sie waren. Wenn wir sie nachhaltig nutzen wollen, dürfen wir die Leistungsfähigkeit der Tiere und die Nachfrage nicht aus dem Auge verlieren. Nur eine Rasse, die wirtschaftlich ihre Nische gefunden hat, also nicht nur als Hobby gehalten wird, wird überleben.

Hat der Verbraucher die Möglichkeit hier einzugreifen?

Der Verbraucher sollte mehr nachfragen: Von welchem Tier stammt das Fleisch, wo kommt es her, wie wurde es gehalten? Je bewusster Verbraucher diese Fragen stellen, desto mehr wird der Markt auch darauf eingehen und die Produkte hervorbringen. Das haben wir bei der Slow-Food-Bewegung gesehen und wir sehen das auch in den erfolgreichen Bemühungen vieler Züchter alter Rassen, die durchaus eine Nachfrage für ihre Produkte finden.

Service

Von Professor Sambraus sind verschiedene Standardwerke zum Thema Nutztierrassen erschienen, u.a. der Farbatlas Seltene Nutztiere (Ulmer 2010), der Farbatlas der Nutztierrassen (Ulmer, 6. Auflage 2001) sowie Gefährdete Nutztierrassen (Ulmer, 3. Auflage 2010).

Nähere Informationen zur Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. finden Sie im Internet unter www.g-e-h.de.