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Fachgremien

Gebietseigene Gehölze

Gebietseigene Gehölze

Der folgende Text gibt die Position der BLAG-FGR zum Thema "Gebietseigene Gehölze" in Bezug auf Baumarten die dem Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG) unterliegen wieder (Stand 8/2016).

Die Herkunft im Blick

Waldb√§ume treten weitgehend in durch Z√ľchtung unbeeinflussten, nat√ľrlichen Populationen auf, die sich durch eine hohe ph√§notypische und genetische Vielfalt auszeichnen. Auch zwischen den Populationen gibt es teilweise gro√üe genetische Unterschiede, als Ergebnis der Anpassung an unterschiedliche klimatische und andere stand√∂rtliche Faktoren innerhalb des Verbreitungsgebiets einer Art. Durch Herkunftsversuche und Nachkommenschaftspr√ľfungen ist die gro√üe Bedeutung der Erbanlagen f√ľr Angepasstheit und Anpassungsf√§higkeit erwiesen. So sind z.B. Toleranz gegen√ľber Frost und Trockenheit, Widerstandsf√§higkeit gegen√ľber Schadorganismen, aber auch Wuchsleistung und -form in unterschiedlichem Ausma√ü genetisch bedingt. Unterschiedliche Herk√ľnfte oder Nachkommenschaften reagieren in verschiedener Weise je nach Umweltbedingungen. Diese grunds√§tzlichen Zusammenh√§nge treffen entsprechend auch f√ľr Straucharten zu.

Mit der Wahl der Herkunft wird √ľber die erblich bedingten Eigenschaften des zuk√ľnftigen Bestandes und evtl. weiterer Generationen entschieden. Sie bildet daher neben der Baumartenwahl die Grundlage f√ľr die √∂kologische Stabilit√§t und die langfristige √∂konomische Leistungsf√§higkeit der W√§lder.

Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG)

Bei forstlichem Vermehrungsgut ist aufgrund seiner Bedeutung f√ľr die Erhaltung und nachhaltige Nutzung des Waldes, in Umsetzung der EU-Richtlinie 1999/105/EG, das Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG) als Rechtsgrundlage zu beachten. Es regelt die Zulassung von Ausgangsmaterial, die Erzeugung, das Inverkehrbringen, die Ein- und Ausfuhr sowie die Herkunfts- und Identit√§tssicherung von forstlichem Vermehrungsgut. Das Gesetz bezieht sich auf Saatgut, Pflanzgut und Pflanzenteile von Baumarten und Hybriden, die f√ľr forstliche Zwecke von Bedeutung sind.

Das FoVG leistet einen entscheidenden Beitrag zur Sicherung der Stabilit√§t, Ertragsf√§higkeit, genetischen Vielfalt und Nachhaltigkeit der W√§lder, auch im Sinne des internationalen √úbereinkommens √ľber die biologische Vielfalt (CBD). Die Verwendung angepasster und anpassungsf√§higer Populationen bzw. Herk√ľnfte bei k√ľnstlicher Verj√ľngung gem√§√ü den Herkunftsempfehlungen der einzelnen Bundesl√§nder ist eine wichtige Grundlage der nachhaltigen Forstwirtschaft, ein Beitrag zum Erhalt forstlicher Genressourcen und zur Anpassung der W√§lder an den Klimawandel.

Zur Herkunfts- und Identit√§tssicherung muss forstliches Vermehrungsgut, das in den Verkehr gebracht werden soll, l√ľckenlos von der Ernte bzw. Vermehrung √ľber die Aufbereitung, die Lagerung, Anzucht und Weitergabe an den Endverbraucher nachverfolgbar sein. Dazu werden  bei der Ernte die Partien nach Zulassungseinheiten (also Erntebestand, Samenplantage etc.) getrennt gehalten und jede Erntepartie mit einem Stammzertifikat mit individueller, nur einmal vorgesehener Nummer gekennzeichnet. Bei Mischungen (die nur in Anwesenheit eines Kontrollbeamten vorgenommen werden d√ľrfen) wird ein Mischzertifikat mit neuer Nummer erstellt. Auf diesem sind die Stammzertifikatsnummern  der gemischten Partien und die Mischungsanteile vermerkt. Nur so ist eine R√ľckverfolgbarkeit entlang der gesamten Produktionskette m√∂glich. Private Zertifizierungssysteme auf Basis von R√ľckstellproben unterst√ľtzen das FoVG.

Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG)

Mit der Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) vom 29. Juli 2009 (BGBl. I S. 2542) wurde in ¬ß1 die nachhaltige Sicherung der biologischen Vielfalt als eines von drei Hauptzielen des Naturschutzes und der Landschaftspflege verankert. Der Schutz der biologischen Vielfalt umfasst dabei auch die genetische Vielfalt innerhalb der Arten. Des Weiteren soll mit der Neufassung des BNatSchG (¬ß 40) die Verwendung einheimischer Geh√∂lze aus regionaler Herkunft gef√∂rdert werden. Dazu sollen in der freien Landschaft Geh√∂lze und Saatgut vorzugsweise nur innerhalb festgelegter Vorkommensgebiete ausgebracht werden, d.h. es soll Saat- und Pflanzgut verwendet werden, dass seinen genetischen Ursprung in dem entsprechenden Gebiet hat. Auch hier wird somit die Bedeutung des Ernteorts f√ľr den Erhalt der biologischen Vielfalt und die Vermeidung von Florenverf√§lschung betont. Ab dem 2. M√§rz 2020 bedarf das Ausbringen von Geh√∂lzen und Saatgut au√üerhalb ihrer Vorkommensgebiete einer Genehmigung.

Infobox

FoVG                                                         BNatschG                                  
                                                                       
Geltungsbereich Vermehrungsgut f√ľr
forstliche Zwecke
Geh√∂lze und Saatgut f√ľr die freie Natur, d. h.naturschutz-
fachlicher Zweck (Ausnahmen: Stra√üenbegleitgr√ľn)
Regelbereich Zulassung von Ausgangsmaterial, Erzeugung, Inverkehrbringen, Ein- und Ausfuhr sowie Herkunfts- und Identit√§tssicherung von forstlichem Vermehrungsgut Verwengung gebietseigener Geh√∂lze und Saatgut f√ľr die freie Natur
Arten 27 Baumarten und Hybriden 55 einheimische Gehölzarten
Räumlicher Bezug Herkunftsgebiete (nach FoVHgV) unterschiedlich je nach Baumart Vorkommensgebiete (nach Empfehlung der AG "gebietseigene Gehölze")
einheitlich f√ľr alle Arten
Kontrolle Gesetzliche Vorschriften zur Identit√§ts- und Qualit√§tssicherung Private Zertifizierungssysteme; Mindeststandards f√ľr Zertifizierung sind als Empfehlung der AG "gebietseigene Geh√∂lze'" festgelegt
Ort der Pflanzenanzucht Nicht festgelegt Nicht festgelegt (jedoch Präzisierung im Leitfaden "auch außerhalb der Vorkommensgebiete")

Umsetzung des § 40 BNatSchG

Zur Erarbeitung von Empfehlungen f√ľr eine bundesweit einheitliche Umsetzung wurde eine "Arbeitsgruppe gebietseigene Geh√∂lze" bestehend aus verschiedensten Interessengruppen unter Federf√ľhrung des Bundesministeriums f√ľr Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) eingerichtet. Die Ergebnisse der Beratungen dieser AG wurden vom BMUB in einem "Leitfaden zur Verwendung gebietseigener Geh√∂lze" im Januar 2012 ver√∂ffentlicht. Gleichzeitig hat die AG Mindeststandards f√ľr die Zertifizierung gebietseigener Geh√∂lze festgelegt. Beide Arbeiten haben empfehlenden Charakter und sollen besonders in der gesetzlichen √úbergangsfrist bis zum 02. M√§rz 2020 die Verwendung gebietseigener Geh√∂lze unterst√ľtzen.

Die AG "gebietseigene Geh√∂lze" hat die Empfehlung ausgesprochen, f√ľr alle Geh√∂lzarten bundeseinheitlich sechs Vorkommensgebiete als Basis f√ľr die Produktion und Ausbringung gebietseigener Geh√∂lze abzugrenzen. Grundlage der Abgrenzung sind √§hnlich wie bei der Abgrenzung der forstlichen Herkunftsgebiete, die √∂kologischen Grundeinheiten f√ľr Deutschland. Allerdings wird dabei im Unterschied zum FoVG der hohen Vielfalt an √∂kologischen Standortsgegebenheiten, vor allem der H√∂henanpassung, aber auch der maritimen Einfl√ľsse zu wenig Rechnung getragen. Baden-W√ľrttemberg und Bayern als L√§nder mit sehr deutlichen Unterschieden in diesen Faktoren haben deshalb bereits eine weitere Untergliederung der Vorkommensgebiete in ihrem Bereich vorgenommen. Eine Untergliederung der Vorkommensgebiete erfolgte auch im Land Brandenburg.

Die Empfehlungen zu Mindeststandards der Zertifizierung gebietseigener Geh√∂lze gehen von einer privatwirtschaftlichen Zertifizierung aus und ziehen eine gesetzliche Regelung nicht in Erw√§gung. Als wichtigste Empfehlung ist die Notwendigkeit zur Schaffung der Voraussetzungen f√ľr eine l√ľckenlose Kontrolle und Dokumentation √ľber alle Stadien des Produktionsverlaufs gebietseigener Geh√∂lze bis zum Endverbraucher zu sehen. Die daf√ľr vorgeschlagene Vorgehensweise ist teilweise mit den Vorgaben des FoVG und seiner Durchf√ľhrungsverordnungen kompatibel (z.B. die l√ľckenlose Dokumentation). F√ľr die gebietseigenen Geh√∂lze haben sich auf dem Markt bereits mehrere Zertifizierungssysteme auf privatwirtschaftlicher Basis etabliert. Noch erf√ľllen nicht alle die empfohlenen Mindeststandards, so dass hier weiterer Optimierungsbedarf besteht, vor allem in der l√ľckenlosen R√ľckverfolgbarkeit, z.B. anhand einer ID-Nummer.

Verwendungsempfehlungen

Wie bereits gesagt, regelt das FoVG nicht die Verwendung von forstlichem Vermehrungsgut. Dies geschieht √ľber von den Bundesl√§ndern erstellte Herkunftsempfehlungen. Die Herkunftsempfehlungen gr√ľnden auf den Ergebnissen jahrzehntelanger Forschungsarbeiten zur Herkunftsfrage bei den Waldbaumarten und auf den Erfahrungen der forstlichen Praxis. F√ľr ein Herkunftsgebiet einer Baumart wird eine oder mehrere Herk√ľnfte empfohlen. Sind diese nicht verf√ľgbar, kann auf die ausgewiesenen  Ersatzherk√ľnfte ausgewichen werden.
Die Einhaltung der Herkunftsempfehlungen ist im Staatswald verbindlich (vorbildliche Waldbewirtschaftung) und in den meisten Bundesl√§ndern im Privatwald f√∂rderrelevant. Zudem ist sie die Grundlage f√ľr die Bewirtschaftung von W√§ldern, die nach PEFC und FSC zertifiziert sind.

Das Bundesnaturschutzgesetz legt die Verwendung gebietseigener Geh√∂lze fest. Die im "Leitfaden zur Verwendung gebietseigener Geh√∂lze" genannten Geh√∂lze d√ľrfen ab 2020 nur innerhalb ihrer Vorkommensgebiete ausgebracht werden. Die Verwendung von Ersatzherk√ľnften ist nicht vorgesehen. Abweichungen bed√ľrfen dann einer Genehmigung durch die zust√§ndige Beh√∂rde.

Fazit

Sowohl das Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG) als auch das Bundesnaturschutzgesetz (BNatschG) leisten einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Genressourcen von Baum- und Straucharten im Sinne des internationalen √úbereinkommens √ľber die biologische Vielfalt. Die Regelungen zur Umsetzung und Zielerreichung sind jedoch grunds√§tzlich verschieden. So wurde bei der Ausweisung der Vorkommensgebiete f√ľr gebietseigene Geh√∂lze im Unterschied zu den Herkunftsgebieten nach FoVG der hohen Vielfalt an √∂kologischen Standortsgegebenheiten, vor allem der H√∂henanpassung und den maritimen Einfl√ľssen zu wenig Rechnung getragen.

Die gesetzlichen Regelungen im Forstbereich haben sich als Instrument zur Sicherung der genetischen Vielfalt unserer Waldb√§ume seit √ľber 60 Jahren bew√§hrt. Sie sind aus der Erkenntnis entstanden, dass die Herkunft f√ľr die Anpassungs- und Leistungsf√§higkeit der W√§lder entscheidend ist und basieren auf den Ergebnissen jahrzehntelanger Untersuchungen zur Genetik der Waldb√§ume und den in √ľber 300 Jahren gesammelten Erfahrungen der forstlichen Praxis. Zweigleisige Regelungen f√ľr die gleiche Baumart ‚Äď Wald  und freie Natur ‚Äď bergen die Gefahr der Aufweichung der bew√§hrten Regelungen sowie unbeabsichtigter Verwechslungen w√§hrend des "parallelen" Produktionsprozesses f√ľr die gleiche Baumart in einer Baumschule. Nicht zuletzt aus diesen Gr√ľnden haben einige Bundesl√§nder wie Baden-W√ľrttemberg, Bayern und Brandenburg von der M√∂glichkeit der Ausdehnung der Regelungen des FoVG auf die freie Natur Gebrauch gemacht, meist in enger Abstimmung mit den wichtigsten Abnehmern (z.B. Stra√üenbaubeh√∂rden, oberste Baubeh√∂rde).

Die Bund-L√§nder-Arbeitsgruppe "Forstliche Genressourcen und Forstsaatgutrecht" (BLAG-FGR), die die Arbeit zur Erhaltung forstlicher Genressourcen in Deutschland im Auftrag der Waldbaureferenten des Bundes und der L√§nder seit 1985 koordiniert, empfiehlt deshalb, auch in der freien Natur Geh√∂lze und Saatgut (gem√§√ü ¬ß40 Abs. 4 BNatSchG) zu verwenden, das nach den Regeln des FoVG produziert wurde. Zudem sollte sich die Verwendung der FoVG-Arten in der freien Natur an den Herkunftsgebieten f√ľr forstliches Vermehrungsgut orientieren. F√ľr Baumarten, die dem FoVG unterliegen, muss nach geltendem Recht die Ernte nach den Vorgaben des FoVG durchgef√ľhrt werden: z.B. Ernte nur in zugelassenen Best√§nden, Ausstellung von Stammzertifikaten f√ľr die Erntepartien. Eine Umschreibung von Herkunftsgebieten auf Vorkommensgebiete f√ľr dem FoVG unterliegende Baumarten, wie im Leitfaden f√ľr gebietseigene Geh√∂lze vorgeschlagen, die Ausweisung neuer Erntebest√§nde und der Aufbau "paralleler Produktionslinien" sind damit nicht erforderlich.